Die Wellnesslüge: Wie Stress unsere schönsten Augenblicke zerstört

Am 09.02.2017
wellnessluege_header

Vor einiger Zeit habe ich eine Online-Befragung zu den wichtigsten persönlichen psychischen Stärken im Beruf durchgeführt. Interessant und zugleich erschreckend: Genussfähigkeit landete auf dem letzten Platz. Offensichtlich führt die vielfältige Anstrengung in diesem Lebensbereich dazu, dass wir keine Freude mehr an dem empfinden, was wir tun.

Doch nicht nur bei der Arbeit steuern Gewohnheit und Routine, Betriebsamkeit und Tempo, unser Leben. Wir versuchen in der gleichen Zeit immer mehr Aufgaben zu erledigen. Dies geht nicht nur zu Lasten der Qualität; es mindert vor allem Freude und Genuss.

All dies wäre zu verschmerzen, wenn wir unser Lebenskonzept nicht darauf ausgerichtet hätten, uns immer mehr Dinge leisten zu können, die uns Freude bringen sollen, ob nun eine funkelnagelneue Küche oder ein Auto mit allen technischen Raffinessen. Gehört uns das Objekt unseres Begehrens, gewöhnen wir uns innerhalb kürzester Zeit daran und streben sofort nach dem nächsten. In diesem Prozess bleiben weder Zeit noch Gelegenheit für Freude. Sie geht in der Betriebsamkeit unseres Alltags unter.

Wellness braucht Offenheit

Wir investieren immer mehr Geld und Zeit in den Wellnessbereich, beispielsweise für Urlaubsreisen in Hotels, die uns Entspannung versprechen, uns luxuriösen Komfort, Behandlungen von Thalasso bis Ayurveda, Massagen, Schröpfen, Yoga, Smoothies und vieles mehr offerieren. Wir vertrauen dem Versprechen, dass wir uns anschließend erholt und aufgetankt fühlen.

Wie sieht die Realität aus? Während der Kosmetikbehandlung denken wir an die kranke Schwester zu Hause und beim Yoga an die unaufgeräumten Kinderzimmer. Selbst im Urlaub schalten wir nicht ab: das Handy ist in ständiger Reichweite. Und dann wundern wir uns, weshalb uns kleine Missgeschicke über Gebühr aufregen, zu Hause ein gereizter Tonfall herrscht oder uns ein freundliches Miteinander im Alltag nicht gelingt? Die Gründe liegen auf der Hand: Wir sind erschöpft und überfordert vom täglichen Kampf um Dinge und Situationen – auch, wenn wir uns damit etwas Gutes tun wollten.

Fassen wir den Wellnessbegriff breiter, schließt das auch Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements ein. Wenn die To-do-Listen aus allen Nähten platzen, werden die Angebote schon aus Zeitgründen nicht angenommen. Wenn der Kopf im Stressmodus ist, haben Kurse mit welchem Ziel auch immer keinen Sinn. Wenn die Zeit bereits für Unabdingbares nicht reicht, wird selbst ein bezahlter Gesundheitstag eher als zusätzlicher Stress denn als Gewinn wahrgenommen.

Was Wohlbefinden nicht nur bei Wellness im Wege steht

a) wir sind überlastet

Die Müdigkeit, Energielosigkeit und verlorene Lebensfreude, die immer mehr Menschen um die Lebensmitte oder bereits früher spüren, werden nicht etwa durch das Altern, sondern durch anhaltende Überforderung verursacht.

b) wir sind zu müde

Der gemeinsame Konsens aller Erklärungsversuche zu negativem Stress sieht ein Ungleichgewicht von Anforderungen und Ausgleich. Wir könnten so viel leisten – wenn wir uns erholen würden. Da wir es nicht tun, sind wir umso stressanfälliger.

c) negatives Denken

Wir sind mit den Gedanken immer woanders, meist bei Problemen, Sorgen, Unerledigtem. Schönes, Gutes und Angenehmes wird schnell übersehen.

d) Unkonzentriertheit

Unsere Art zu denken, die neue Welt der Medien voller Ablenkungen, die Flut der Informationen führen zu neuen schlechten Gewohnheiten, wie mit den Gedanken immer irgendwo zu sein statt in der Gegenwart. Eine Art Getriebensein ist ganz normal geworden.

Fünf Ideen, damit Wellness Wohlbefinden fördert

Alles ist trainierbar. Sobald wir uns mental für mehr Positivität öffnen, können uns Belastungen weniger anhaben. Je weniger sie uns anhaben, umso stressresistenter sind wir. So könnte es aussehen:

1. Die Aufmerksamkeit auf die richtigen Dinge lenken
Das Bewusstsein für Gutes und Schönes im Leben schärfen, innehalten und den Augenblick genießen, Dankbarkeit fühlen und aussprechen oder in einem Tagebuch niederschreiben. Das alles verstärkt die Wirkung des Erlebten.

2. In Gesundheit investieren, wenn wir gesund sind
Ehe wir genießen können, muss es uns gut gehen. Achten Sie deshalb auf Ihre Gesundheit – sie ist die Basis für Ihr Wohlbefinden.

3. Optimistische Erwartungen pflegen
Optimismus heißt positive Zukunftserwartung und – dies ist besonders wichtig – den Glauben, selbst dafür sorgen zu können. Das führt zu einem positiven Kreislauf optimistischer Erwartungen und entsprechender Erlebnisse.

4. Sich selbst kennen
Lebensfroh wird, wer sich entscheiden kann, weil er weiß, was ihm persönlich gut tut.

5. Den Körper durch Wohlbefinden auf Wohlbefinden vorbereiten
Oxytocin ist ein Hormon, das zu Entspannung und damit Wohlbefinden führt. Es wird nicht nur vom Gehirn, sondern vor allem vom Herzen produziert. Angeregt wird es durch Körperkontakt, Lächeln, Vertrauen, Dankbarkeit, Mitgefühl und Empathie.

Über Dr. Ilona Bürgel

Ilona Bürgel

Dr. Ilona Bürgel ist Diplom-Psychologin und Expertin für den Wirtschaftsfaktor Wohlbefinden. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, aufzuzeigen, wie der Spagat zwischen Lust auf Leistung und Erhalt der eigenen Ressourcen in der Welt von heute gelingen kann. Nach 15 Jahren in Führungspositionen der freien Wirtschaft ist sie heute erfolgreiche Referentin und Autorin. Sie wurde vom Ministerium für Wirtschaft und Energie als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet. Dr. Ilona Bürgel lebt und arbeitet in Dresden und Aarhus DK. http://www.ilonabuergel.de/newsletteranmeldung/

Experten

wellnessluege_header

Die Wellnesslüge: Wie Stress unsere schönsten Augenblicke zerstört

Am 09.02.2017

Gerade bei Berufstätigen gerät das Wohlbefinden in den Hintergrund, durch Stress in und nach der Arbeit. Dr. Ilona Bürgel nimmt Sie bei der Hand und erklärt Ihnen, was Sie tun können um sich besser zu fühlen.

Expertenbeitrag-distanz

Distanzzonen: Bitte Abstand halten

Am 27.01.2017

Abstand zu anderen Personen zu halten, hat vor allem mit Respekt zu tun, da wir alle verschiedene Empfindungen bezüglich unserem persönlichen Raum haben. Unsere Expertin Susanne Beckmann zeigt Ihnen, welche Abstände wir im Alltag beachten sollten.

christine_goebel_interview

Mit Brainfood durch das Mittagstief

Am 20.01.2017

Wie umgehen Sie am besten das Mittagstief und kommen produktiv durch den Nachmittag kommen? Christine Göbel, Ernährungswissenschaftlerin an der FH Münster, hat sich Zeit für ein Interview zum Thema Brainfood genommen.